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Von Ido Liven "die welt" , 15 November 2007


Sudanesen fliehen in den "Feindstaat" Israel


Als der 14-jährige Adam vor den Reitermilizen weglief, die sein kleines Dorf in Darfur zerstörten und alle Erwachsenen töteten, wusste er noch nicht, dass seine Flucht mindestens zwei Jahre dauern und ihn bis nach Israel bringen würde. Verfolgte Sudanesen suchen Zuflucht im Land der Juden.

Israelische Polizisten kontrollieren die Papiere eines sudanesischen Flüchtlings
Foto: AFP

Fünfunddreißig Familien hatten in Amkoshurok gelebt, in dieser Nacht im Dezember 2003 wurde alles zerstört. Adam und einige andere Kinder, so alt wie er oder jünger, hatten vor dem Dorf gespielt und deshalb überlebt. Es verschlug die kleine Gruppe in die Stadt al-Faschir, in die sudanesische Hauptstadt Khartum, nach Kairo und schließlich nach Jerusalem. Weiterführende links

Heute verbringt der mittlerweile Achtzehnjährige den größten Teil des Tages im Yamin-Ord-Internat im israelischen Haifa. Das Lernen ist ihm besonders wichtig, die meiste Zeit ist er jedoch mit der Leitung der „Organisation der Söhne Darfurs in Israel“ beschäftigt – eines Vereins, den er selbst vor zwei Monaten in Leben gerufen hat. Der Gründung vorausgegangen waren persönliche Treffen mit 397 Flüchtlingen aus Darfur, die über ganz Israel verstreut sind. „Für den Anfang haben wir uns zum Ziel gesetzt, dass alle sudanesischen Flüchtlinge in Israel Hebräisch lernen. Wir wollen ihnen helfen, in Israel zurechtzukommen“, sagt Adam. „Die Juden haben das auch durchgemacht“, hätten ihm die Menschen in Israel gesagt und seitdem legt Adam, wie er sagt, Wert auf den jüdischen Gesichtspunkt.

Dennoch sei Israel, erklärt er, nur vorübergehend sein Zuhause. „Wir sind nicht nach Israel gekommen, um den Rest unseres Lebens hier zu verbringen. Bei uns gab es Krieg und wir sind geflohen. Der Zufall hat uns hergeführt.“ Wenn man ihn fragt, wie lange es seiner Ansicht nach noch dauern wird, bis er seine Heimat wiedersieht, antwortet er schlicht: „Ich hoffe, dass es morgen Frieden gibt.“ Er will sich seinen Optimismus unbedingt bewahren, vertritt seinen Standpunkt aber entschieden: „Der Sudan muss neu aufgebaut werden. Es ist wichtig, Druck auf die Regierung auszuüben und das Land zu einem demokratischen Staat zu machen.“
Schätzungsweise mehr als 500 Flüchtlinge aus Darfur halten sich gegenwärtig in Israel auf – das wäre etwa ein Viertel aller illegal eingereisten Afrikaner. Fast alle Illegalen, auch Frauen und Kinder, verbrachten eine Zeit lang in israelischen Gefängnissen, manchmal mehrere Monate. Adam selbst hat sechs Monate und 24 Tage in vier verschiedenen Gefängnissen gezählt. Nach Angaben von Romm Lewkowicz, Sprecher der Hilfsorganisation Notrufstelle für Wanderarbeiter, kommen Flüchtlinge aus Darfur seit zwei Jahren nach Israel.
Seit Januar 2006 kommen immer mehr Flüchtlinge über die israelisch-ägyptische Grenze, die großenteils durch das Militär kontrolliert wird. „Es ist Jahre her, dass Waffen und Drogen über diese Grenze geschmuggelt wurden oder Arbeiter eingeschleust“, sagt Lewkowicz. Die Fluchtbewegung von Ägypten nach Israel habe kurze Zeit nach der großen Demonstration sudanesischer Flüchtlinge vor den Büros der UN-Flüchtlingshilfeorganisation UNHCR in Kairo eingesetzt, „als diese begriffen, dass Ägypten für ihre Sicherheit nicht einsteht“, fügt er hinzu.
Doch die Ägypter waren von ihren „arabischen Brüdern“ aus dem Sudan wenig begeistert. Nach anderthalb Jahren in Ägypten wollte ein Bauer von der Sinai-Halbinsel, für den Adam und ein Freund gearbeitet hatten, sie nicht mehr bezahlen. „Wir haben uns mit ihm angelegt, aber er hatte ein Gewehr und wir mussten fortlaufen“, sagt er. „In der Ferne haben wir israelische Lichter gesehen, also sind wir auf sie zu gegangen. Genau genommen sind wir gerannt.“ Irgendwann schliefen sie erschöpft ein. Polizisten weckten sie auf Hebräisch.
„Israel ist nah“, versucht Sharon Harel von der israelischen UNHCR-Sektion die Attraktivität des jüdischen Staates zu erklären. „Ihren Aussagen zufolge hofften einige der Flüchtlinge, hier Asyl zu finden. Schließlich wurden sie im Sudan von arabischen Gruppen verfolgt und haben in Ägypten, wie sie sagen, nicht die nötige Unterstützung erfahren. Sie haben nach einer sicheren Zuflucht gesucht und geglaubt, dass Israel aufgrund seines Verhältnisses zur arabischen Welt sie besser behandeln würde als andere Länder.“
Viele israelische Hilfsorganisationen und Privatleute kamen den Flüchtlingen zu Hilfe. Die Regierung war auf eine so große Zahl von Hilfe Suchenden nicht vorbereitet. „Der Staat Israel schickt Flüchtlinge, deren Leben in ihren Heimatländern bedroht ist, nicht zurück“, sagt Harel. Ende August wurden jedoch 48 Männer, Frauen und Kinder in Zusammenarbeit mit den Behörden in Kairo nach Ägypten zurückgebracht. Dem UNHCR war es nicht gelungen, das Schicksal dieser Menschen zu klären. Lewkowicz erläutert: „Israel ist verpflichtet, in jedem Fall einzeln zu prüfen, ob im Heimatland eine Bedrohungssituation vorliegt. Anfangs hat das Land diese individuelle Überprüfung grundsätzlich abgelehnt, weil die Darfur-Flüchtlinge aus einem Feindstaat kommen.“
Das stehe aber im Widerspruch zu einem Artikel der Genfer Konventionen. Danach darf ein Land Asylsuchende nicht abweisen, nur weil sie aus einem Feindstaat kommen. Die Ironie: Die Initiative für diesen Artikel ging Anfang der 50-Jahre von Israel aus, nachdem sich Großbritannien geweigert hatte, jüdische Flüchtlinge aus dem damaligen Feindland Deutschland aufzunehmen.
Die meisten Darfuris wurden mittlerweile aus den Gefängnissen entlassen und befinden sich in alternativem Gewahrsam in Kibbuzim oder anderen Arbeitsstätten. Nach Angaben eines Sprechers des israelischen Innenministeriums sind zurzeit „noch 50 bis 70 weitere in Haft, die innerhalb der nächsten ein oder zwei Wochen entlassen werden“. Adams bisher größter Erfolg ist ein kurzes Treffen mit Premierminister Ehud Olmert. „Er hat gesagt, dass der israelische Staat sich mit dieser Frage auseinandersetzen müsse.“ Die Regierung hat nun entschieden, dass 498 im Land befindlichen Asylsuchenden Zuflucht gewährt wird.
Am 1. Januar wird Adam seinen 19. Geburtstag feiern, am 51. Jahrestag der Unabhängigkeit des Sudan. „Ich möchte zurückgehen und den Menschen erzählen, was ich in Israel gelernt habe“, sagt Adam hoffnungsvoll, „und dass ich gekommen bin, um zu helfen.“ Dort möchte man sich allerdings nicht helfen lassen: Innenminister Zubair Bashir Taha hat angekündigt, dass die Flüchtlingen nach ihrer Rückkehr aus Israel ein Gerichtsverfahren erwarte.


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